Kunstgewerbeschule
Die Kunstgewerbeschule wurde 1875 als „Königlich-Sächsische-Kunstgewerbeschule“ in einem ehemaligen Gebäude der Technischen Bildungsanstalt am Antonsplatz gegründet. Ihre Blüte erlebte sie ab 1906 an der Eliasstraße. Den Neubau hatten William Lossow und Hermann Vieweger errichtet. Sie integrierten dabei Teile des früheren Brühlschen Palais wie den Brühlschen Saal. Als „Staatliche Hochschule für Werkkunst“ wurde sie 1950 in die Hochschule für Bildende Künste eingegliedert. Die ehemalige Kunstgewerbeschule ist heute der größte Standort der HfBK.
[Bearbeiten] Geschichte
Mit dem Aufbau der Kunstgewerbeschule wurde der Architekt und Designer Karl Ludwig Theodor Graff beauftragt, der sie auch viele Jahre als erster Direktor leitete. Er ergänzte die Schule 1876 am gleichen Ort mit einem Kunstgewerbemuseum, das die Studenten mit Anschauungsmaterial unterstützen sollte, sowie mit einer Kunstgewerbebibliothek. Die Kunstgewerbeschule verfolgte die Intention, die im 19. Jahrhundert sich ausbreitende Industrialisierungswelle mit neuen Kunstzweigen und künstlerischem Handwerk in der Ausbildung zu harmonisieren, um geschmacksbildend auf Gewerbe und Industrie einwirken zu können. Das Unterrichtsprogramm umfasste Architektonisches Kunstgewerbe, Muster-, Stoffe-, Tapeten- und Gardinenzeichnen, Dekorationsmalen, Porzellanmalerei, Lithographie und Buntdruck, Ornamentmodellieren, Figürliches und kunstgewerbliches Modellieren, Metalltechnik, Figürliche und Theaterdekoration, Kunstgewerbliche Entwürfe, Raumkunst und Architekturzeichnen. Neben dem regulären Tagesunterricht wurden mehrere Fächer auch im Abendunterricht sowie eine Vorschule angeboten.[1]
Graff gehörte zu den Vertretern der Neorenaissance in Dresden. Nach seinem Tod (1906) wurde mit Lossow ein Vertreter der jungen Reformarchitektur zum Nachfolger bestellt. Dies zeigte sich schon in der Gestaltung des neuen Gebäudes und setzte sich in der weiteren Ausrichtung der Kunstgewerbeschule fort, die mit den Zielen des 1907 in München gegründeten Deutschen Werkbundes korrespondierte. Neben Lossow gehörten dem Werkbund mit Josef Goller, Oskar Seyffert und Adolf Sonnenschein weitere Lehrkräfte der Dresdner Kunstgewerbeschule an.[2] 1914 trennte der nunmehrige Direktor Karl Groß, auch Leiter der Klasse für Goldschmiedekunst und Architekturplastik, das Kunstgewerbemuseum ab.[3]
Zu den Absolventen der Schule, die meist ein Studium an der Kunstakademie anstrebten, gehörten eine Vielzahl später erfolgreich tätiger Künstler, wie Otto Dix, der freundschaftliche Bindungen zu den Mitstudenten Otto Baumgärtel, Marga Kummer, Kurt Lohse und Otto Griebel aufbaute.[4] Sie hatten an der Kunstgewerbeschule einen ausgezeichneten Zeichenunterricht erhalten, der sie befähigte, Dresden in den 1920er Jahren zu einem Zentrum der Neuen Sachlichkeit werden zu lassen.
Die Kunstgewerbeschule hieß ab 1921 Akademie für Kunstgewerbe. In dieser Zeit, unter dem langjährigen Direktor Karl Groß, genoss die Kunstgewerbeakademie besonders auch dank Carl Rade hohes Ansehen. Nach der Machtergreifung durch die Nazis trat Groß zurück, Rade wurde entlassen. Während der Nazizeit bestanden an diesem Ort neben dem Kunstgewerbemuseum und der Kunstgewerbebibliothek eine Staatliche Meisterschule des Deutschen Handwerks, eine Hochschule für freie und angewandte Kunst und eine Staatliche Kunsthochschule.[5] Zu den bekanntesten Dozenten zählte hier Paul Sinkwitz.
1947 wurde die ehemalige Kunstgewerbeschule als Hochschule für Werkkunst unter Leitung von Will Grohmann wiedergegründet. Die Kunstgewerbebibliothek erhielt den Rang einer Zentralen Kunstbibliothek der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Nachdem Grohmann ein Jahr später die sowjetische Besatzungszone verlassen hatte, wurde der Bauhäusler Mart Stam zum Rektor berufen.[6] Stam sollte die Hochschule für Werkkunst mit der HfBK Dresden vereinen: "Der Arbeiter, der Werktätige ist der Konsument, und es geht um die Versorgung der breiten Schicht der Werktätigen mit Produkten, die tatsächlich das Beste darstellen; es geht darum, Gestalter auszubilden, welche die Verantwortung tragen können für das kulturelle Niveau der Gebrauchsgegenstände unserer werktätigen Menschen." (Stam 1948). Der Formalismus geriet im Stalinismus jedoch unter den Verdacht, eine "volksfremde und volksfeindliche Strömung" und eine "Waffe des Imperialismus" zu sein. Einflussreiche Kräfte um Lea Grundig lehnten Stam entschieden ab und er musste 1950 Dresden wieder verlassen.
[Bearbeiten] Weitere Lehrkräfte und Schüler
Dozenten: Alwin Anger, Alexander Baranowsky, Karl Berling, Wanda Bibrowicz, Alfred Diethe, Ermenegildo Antonio Donadini, Arno Drescher, Hermann Eckert, Wilhelm Ellenberger, Georg Erler, Max Frey, Richard Guhr (Klasse für Dekorative Malerei), Paul Herrmann, Margarete Junge (Modeklasse), Wilhelm Kreis (Klasse für Raumkunst), Richard Lippmann, Richard Mebert (Klasse für Ornament- und Naturmalen), Oskar Menzel, Wera Meyer-Waldeck, Woldemar Müller, Paul Naumann (Klasse für Buntdruck), Jean Pape, Max Rade (Klasse für Ornament- und Naturmalen), Hilde Rakebrand, Paul Rößler, Edmund Schuchardt, Karl Simmang, Hugo Spieler, Richard Steche, Johannes Türk (Klasse für Figurenzeichnen), Richard Weiße, Heinrich Wieynck (Professor für Typographie)
Schüler: Elisabeth Ahnert | Alexander Baranowsky | Oskar Fritz Beier | Friedrich Brodauf | Gertrud Busch | Pol Cassel | Ewald Max Karl Enderlein | Max Feldbauer | Friedrich Kurt Fiedler | Bruno Fischer | Johannes Heinrich Fischer | Erich Fraaß | Erich Gerlach | Hermann Glöckner | Lea Grundig | Ernst Hassebrauk | Hanna Hausmann-Kohlmann | Walter Helfenbein | Artur Henne | Alfred Hesse | Erhard Hippold | Julius Paul Junghanns | Hans Jüchser | Hans Kinder | Bernhard Kretzschmar | Max Lachnit | Wilhelm Lachnit | Otto Lange | Paula Lauenstein | Erna Lincke | Elfriede Lohse-Wächtler | Gustav Alfred Müller | Erich Oehme | Max Pechstein | Martin Erich Philipp | Otto Pilz | Edmund Schuchardt | Paul Sinkwitz | Elsa Sturm-Lindner | Alfred Teichmann | Karl Timmler | Paul Wilhelm | Fritz Winkler | Willy Wolff
Sonstiges: Ein jährliches Großereignis an der Kunstgewerbeschule war die Ausrichtung eines Gauklerfestes zu Fasching. Eigens für Veranstaltungen dieser Art gab es auch den Verein Hans Holbein, der aus Mitgliedern der Schule bestand und sein Vereinslokal in der Feldschlößchen-Brauerei hatte.
[Bearbeiten] Literatur
- Kunstgewerbliche Stilproben - ein Leitfaden zur Unterscheidung der Kunst-Stile, Hrsg. Direktion der Kgl. Kunstgewerbeschule, 1898
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ Adressbuch der Stadt Dresden, 1904
- ↑ Mitgliederverzeichnis des Deutschen Werkbundes 1913
- ↑ Kunstgewerbemuseum (Museum für Kunsthandwerk) auf dresden-und-sachsen.de
- ↑ Otto Dix, 1910-1914 | An der Kunstgewerbeschule Dresden
- ↑ Adressbücher der Stadt Dresden, 1941-44
- ↑ Mart Stam in der DDR ...spezifisch reformistisch bauhausartig...
- ROTHER, Wolfgang: Die Kunstgewerbeschule und das Kunstgewerbemuseum in Dresden - Ein Bauwerk zwischen Späthistorismus und Moderne, Verlag der Kunst 1999, ISBN 978-9057051289
- http://www.hfbk-dresden.de/hochschule/profil/gebaeude/guenzstrasse.html
[Bearbeiten] Weblinks
- Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Kunstgewerbeschule und Kunstgewerbemuseum Dresden”
- Schriften über die Kunstgewerbeschule Dresden bei books.google.com
- Paul Schumann: Das Dresdner Kunstgewerbe. In: Kunstgewerbeblatt. 23. Jg., H. 3, S. 41, 1911/12
- Blick von der Kunstgewerbeschule (an der Gerokstraße Dresden), von Paula Lauenstein