Walther Hesse

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(* 27. Dezember 1846 in Bischofswerda; † 19. Juli 1911 in Dresden)

Die Tuberkulose gehört auch heute noch weltweit zu den bedrohlichsten Infektionskrankheiten. Im späten 19. Jahrhundert galt sie als Geißel der Menschheit schlechthin. In Deutschland war sie zu 15% Todesursache. Erst 1882 gelang es Robert Koch, den Tuberkuloserrreger zu identifizieren. Mit dem besseren Verständnis der Krankheitsursachen wuchsen die Heilungschancen. Robert Koch erhielt für seine außerordentlichen Verdienste um die Bekämpfung der Tuberkulose 1905 den Nobelpreis. Wichtige Beiträge stammten von Kochs Assistenten, so Paul Ehrlichs Methode der Bakterienfärbung und die Verwendung von Petrischalen. Wenig bekannt geworden ist, welchen bedeutenden Anteil ein Dresdner Arzt hatte – und seine Frau. Hervorhebenswert sind zudem Hesses Verdienste um die öffentliche Hygiene in Dresden, der man seinerzeit gerade hier große Bedeutung beimaß, wie die I. Internationale Hygieneausstellung in Hesses Sterbejahr verdeutlichte.

Hesses Wohnhaus in der Julius-Otto-Straße

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Familiärer Hintergrund

Sein Vater, Friedrich Wilhelm Hesse, begründete in Bischofswerda eine familiäre Medizinertradition, die über Generationen Bestand haben sollte. Aus sehr bescheidenen Verhältnissen kommend, absolvierte der Vater mithilfe der Unterstützung des Rektors Christian Ernst August Gröbel die Dresdner Kreuzschule und studierte an der Leipziger Universität. In Bischofswerda betreute er die beim Bau der Sächsisch-Schlesischen Eisenbahntrasse beschäftigten Arbeiter, später war er Bezirksarzt in Zittau. Wie der Vater studierten vier seiner Söhne Medizin. Friedrich Louis Hesse gründete in Leipzig die erste universitäre Zahnklinik Deutschlands überhaupt. Drei Töchter erhielten am Freimaurer-Institut in Dresden eine Lehrerinnenausbildung.

[Bearbeiten] Ausbildung und erste Berufsstationen

Walther Hesse besuchte die Kreuzschule Dresden, studierte ab 1866 Medizin in Leipzig und promovierte 1870 am dortigen Pathologischen Institut. Am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nahm er als Feldassistenzarzt teil, darunter an den Schlachten um Gravelotte und St. Privat. Schon hier begann Hesse, sich für hygienische Bedingungen einzusetzen – ein Thema, welches ihn zeitlebens begleiten sollte. Nach dem Krieg war er Schiffsarzt auf der New-York-Linie, Assistent in der Heil- und Pflegeanstalt Pirna sowie praktischer Arzt in Zittau. Gemeinsam mit seinem Vater bemühte er sich dort um gesunde Lernbedingungen für Schüler, z. B. durch systematisches Lüften von Schulräumen.

In New York hatte Hesse Fanny Angelina Eilshemius kennengelernt, Tochter einer wohlhabenden Einwandererfamilie aus den Niederlanden. Sie heirateten 1874 in Genf gemeinsam mit Angelinas Schwester und einem Neffen von Louis Agassiz. Die Eilshemius-Familie war zeitweise in Dresden ansässig. Hesses Schwiegervater trat 1878 dem Verein für Erdkunde bei, Angelinas Bruder Fritz Emil studierte in Dresden und der spätere Maler Louis Eilshemius besuchte in Dresden die Realschule, bevor er 1881 in die USA zurückkehrte. Lina, wie Hesses Frau auch genannt wurde, war in den Folgejahren nicht nur Hausfrau und Mutter, sondern unterstützte ihren Mann mit Rat und Tat im Labor und mit grafischen Arbeiten.

[Bearbeiten] Jahre in Schwarzenberg

Von 1877 bis 1890 war Walther Hesse Bezirksarzt in Schwarzenberg. Hier machte er sich besonders um die Aufklärung der berüchtigten Schneeberger Bergkrankheit verdient, die er als Lungenkrebs erkannte, auch wenn ihm die Radioaktiviät als Ursache verborgen blieb. Hesse publizierte zudem viele beachtenswerte wissenschaftliche Arbeiten, insbesondere zur quantitativen Charakterisierung der bakteriellen Belastung von Wasser und Luft, aber auch zu Infektionskrankheiten wie Typhus und Cholera.

Hesse bildete sich beruflich stets weiter. Er hospitierte in München beim seinerzeit führenden Hygieniker Max von Pettenkofer und 1881/1882 nahm er sich einen Forschungsurlaub im Kaiserlichen Gesundheitsamt bei Robert Koch. Hesse lernte von Koch, wie schwierig die Anzucht von Bakterienkulturen in Flüssigkeiten ist. Koch probierte es mit Gelatine und Kartoffeln, vergeblich. Die Zucht von stabilen (sterilisierbaren) Reinkulturen war aber der Schlüssel für mikrobiologische Langzeituntersuchungen, wie zur Tuberkuloseforschung erforderlich. Walther Hesse erzählte es seiner Frau – und die hatte die Lösung! Von Emigranten aus Java wusste sie noch aus ihrer New Yorker Zeit von Rezepten, wie Puddings und Gelees am Verflüssigen gehindert werden konnten, mittels Agar-Agar, einem Substrat aus Meeralgen gewonnen, eine Substanz, die auch heute noch aus der mikrobiologischen Praxis nicht wegzudenken ist. Walther Hesse berichtete Koch davon und 1882 hielt dieser seine berühmte Rede zur erstmaligen Identifikation des Tuberkulosebakteriums. Als Substratmedium zitierte er präparierte Tierseren, das eigentlich überlegene Agar-Agar erwähnte er nur am Rande, die Hesses gar nicht. Noch heute zählt es zu Kochs Hauptverdiensten, Bakterienkulturen gewonnen und auf festen Nährböden gezüchtet zu haben.

[Bearbeiten] Hesse in Dresden

1890 wurde Hesse als Bezirksarzt nach Dresden berufen. In Strehlen, wo er in der Julius-Otto-Straße 11 auch wohnte, arbeitete er gemeinsam mit Walther Hempel in einem bakteriologischen Laboratorium. Der Ausbruch von Typhus-, Diphtherie- und Cholera-Epidemien, z. B. Typhus in Löbtau 1899, verlangte Hesses Aufmerksamkeit. Er untersuchte die bakteriellen Grundlagen dieser Krankheiten und erarbeitete Hygienevorschriften. In öffentlichen Badeanstalten wie z. B. im Albertbad untersuchte er den Bakteriengehalt und er initiierte die Pasteurisierung von Milch in Pfunds Molkerei. Aus Dankbarkeit gegenüber dem zwischenzeitlich verstorbenen Großvater gewährte Pfunds Molkerei in den Hungerjahren des 1. Weltkrieges noch seinen Enkeln Sonderrationen an Milch.

Hesse publizierte während der Dresdner Zeit wiederholt in der angesehenen Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten, medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Virologie. Sie war vor Robert Koch gegründet worden und wird heute von Springer unter dem Namen Medical Microbiology and Immunology fortgeführt. Eine Auswahl von Hesses Publikationen aus jener Zeit zeigt, wie vielfältig seine wissenschaftliche Arbeit war: Ueber Sterilisirung von Kindermilch (1890), Zur Diagnose der Diphtherie (1893), Ueber Aetiologie der Cholera (1893), Ueber die Beziehungen zwischen Kuhmilch und Cholerabacillen (1894), Ueber den Bakteriengehalt im Schwimmbassin des Albertbades zu Dresden (1897), Ueber Gasaufnahme und -abgabe von Culturen des Pestbacillus (1897), Ein neues Verfahren zur Züchtung des Tuberkelbacillus (1899), Die Typhusepidemie in Löbtau im Jahre 1899, Ueber einen neuen Muttermilchersatz: Pfund's Säuglingsnahrung (1900), Ueber das Verhalten pathogener Mikroorganismen in pasteurisirter Milch (1900), Ueber die Abtödtung der Tuberkelbacillen in 60° C. warmer Milch (1903). Besonders wichtig waren ihm die Kinder. Er schrieb: "Unter den Krankheiten, die Leben und Gesundheit der Säuglinge bedrohen, nehmen die Erkrankungen des Verdauungsapparates die hervorragendste Stellung ein. Die Bedrohung ist um so grösser, je jünger die Säuglinge sind." Hesse erwarb sich in Dresden große Verdienste um die gesunde Ernährung und die Impfung der Kinder. Zusammen mit der Chemischen Fabrik Heyden versuchte er außerdem, seine Entwicklungen industriell zu verwerten.

1901 wurde Hesse in die Naturwissenschaftliche Gesellschaft ISIS aufgenommen. Er erhielt außerdem den Titel Geheimer Medizinalrat. Das Laboratorium an der TH wurde nach seinem Tod aus Angst vor bakterieller Verseuchung abgebrannt. Um ihren Kindern näher zu sein, zog Angelina Hesse in die Winckelmannstraße 19.

[Bearbeiten] Quellen

[Bearbeiten] Biografien

[Bearbeiten] Sonstiges

Walther Hesse wurde in der Familiengrabstätte Serkowitz beigesetzt. Zwei seiner Söhne wurden wiederum bekannte Mediziner. Friedrich Henry Hesse leitete als Chefarzt das Waldsanatorium Blasewitz, Gustav Hesse als Direktor die Universitätszahnklinik Jena. Seit einigen Jahren erscheinen Publikationen, v. a. im englischsprachigen Raum, die an Walther und Angelina Hesse erinnern: als wichtige Pioniere der modernen Mikrobiologie.

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